Texte zum Nachdenken
Evangelische Impulse
„Feige oder Blatt? – Sind Mittagstische Not-wendig?“
Gottesdienst am Sonntag, den 7. Februar 2010 in der Christuskirchengemeinde Mainz
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Theologischer Impuls zu Lk 10, 25-37 von Pfarrer Dr. Thomas Posern, Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN in Mainz
Ein alter Text unseres Glaubens steht hinter dem Anspiel, das wir eben erlebt haben. Vor 2000 Jahren wurde dieser Text aufgeschrieben. Was Jesus wollte, wie wir als Christen Gott verstehen können und wie wir leben sollen, das steckt alles in dieser kleinen Geschichte drin.
Sie erzählt von einem, der „unter die Räuber gefallen“ ist. Mir fallen dabei die CD-ROMS ein mit den Daten von Schweizer Bankkonten – ein Teil davon bezieht sich vermutlich auf Gelder, die am Fiskus vorbei geleitet wurden, um Steuern zu sparen. Diese Daten wurden nun geraubt, sind unter die Räuber gefallen. Es gibt aber auch noch eine zweite Version: Geraubt wurde auch Geld, indem vermutlich große Summen nicht versteuert wurden – Geld, das dem Staat zusteht, und das gebraucht wird, um Sozialausgaben zu finanzieren, Infrastruktur für Bildung und andere notwendige Aufgaben – damit Mittagstische und Tafeln nicht nötig sind.
Viele Menschen, die heute arm sind, sind unter die Räuber gefallen, auch wenn es oberflächlich betrachtet gar nicht so aussieht.
- Menschen, die in den Strukturumbrüchen unserer Wirtschaft arbeitslos werden
- Solche, die mit dem Leben in dieser Zeit, mit seinem Tempo nicht mehr zurecht kommen, die nicht damit zu Rande kommen, dass sie ganz auf sich alleine gestellt sind und die haltenden Strukturen der Familie und des Milieus nicht mehr so funktionieren wie früher
- Solche, die hart arbeiten und die Erfahrung machen müssen, dass es trotzdem nicht reicht
- Menschen, die zu wenig Geld zum Ernähren ihrer Kinder und Familien haben, während andere schier im Geld schwimmen.
Dabei geht es nicht nur ums Geld. Es geht auch um Würde und Selbstachtung. Die menschliche Würde ist im GG verankert. Auch, dass Menschen in unserer Gesellschaft so leben können, dass sie teilnehmen können ab Leben dieser Gesellschaft, ist gesetzlich verankert. Wenn man nicht auskommt mit seinem Geld, weil am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig ist, wenn man seinen Kindern immer wieder sagen muss, dass das Geld auch für kleine Vergnügungen oder für notwendige Bedarfe in der Schule nicht reicht, dann zerstört das auf die Dauer auch die Selbstachtung von Menschen.
Jesus beantwortet mit seinem Gleichnis die Frage des Schriftgelehrten: „Wer ist mein Nächster?“ Es gehört zu den Besonderheiten des christlichen Glaubens, dass ich im Mitmenschen Gott selbst begegne. In der Bedürftigkeit des Mitmenschen werden mein Herz und mein Handeln, mein Glaube herausgefordert. Er bedarf meiner, ich bedarf seiner, wir brauchen uns gegenseitig. Es geht um Hilfe und Unterstützung, es geht aber auch um das lebendige Gespräch und gegenseitiges Anteilnehmen. Wir brauchen es wie die Luft zum Leben, dass wir Anteil nehmen an der Lebenssituation der jeweils anderen.
In unserem Glauben gibt es eigentlich gar keine zusätzliche Ethik, die irgendwie noch zum Glauben hinzuträte, so als ob es hier etwas Eigentliches gäbe, den Glauben, und dann müsse man zusätzlich noch etwas tun, was aber nicht ganz so zentral ist. Nein, Glaube und Handeln sind ganz eng verzahnt, in der täglichen Begegnung mit den Menschen steht der Glaube immer auch selbst auf dem Spiel und muss sich bewähren. Sich für den Mitmenschen einzusetzen fließt sozusagen wie selbstverständlich aus dem Glauben heraus, der darauf vertraut, dass Gott mich trägt und hält und liebt – und den anderen auch.
Die Räuber spielen merkwürdiger Weise in dem Gleichnis keine Rolle mehr. Für die Sicherheit auf den Straßen zu sorgen und Straftäter zu verfolgen ist Sache des Staates.
Stattdessen lenkt das Gleichnis die Aufmerksamkeit auf uns: Der Mensch in Not verlangt unsere Barmherzigkeit, unser individuelles Handeln – deshalb lassen sich auch heute immer wieder Menschen von der Not der anderen anrühren und greifen beherzt zu, wenn sie andere unterstützen können.
Aber, liebe Gemeinde, auch wenn das schon sehr viel ist, ist es dennoch nur die eine Seite. Jesus steht ganz und gar in der Tradition der hebräischen Bibel. Und hier spielen die Freiheit, die Befreiung von Menschen und die Gerechtigkeit eine ganz große Rolle. Freiheit und Befreiung bedeuten, dass Menschen dazu in die Lage versetzt werden, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen (empowerment) – auch gegen äußere Widerstände, auch gegen die vielfältigen Versuche, sie zu unterdrücken. Auch Armut ist eine Form der Freiheitsberaubung! Und Gerechtigkeit meint, dass solche Bedingungen in der Gesellschaft geschaffen werden müssen, dass alle in der Lage sind oder in die Lage versetzt werden, ihre Freiheit zu entfalten. Alle!
Der Sozialstaat, in dem wir leben, war und ist ein Versuch, diese Ziele von Freiheit und Gerechtigkeit als Staatsziele zu verankern und mit Leben zu erfüllen. Der Sozialstaat, wie wir ihn kennen, ist aus diesen christlichen Impulsen erwachsen.
Ohne Barmherzigkeit erkaltet die Gerechtigkeit. Und ohne Gerechtigkeit wird die Gemeinschaft zerstört.
Welche Aufgaben legt uns also das Gleichnis Jesu ans Herz?:
- Es gilt, den Mann zu verbinden, der im Straßengraben gelandet ist. Wenn jemand in Not gerät, aus welchem Grund auch immer, sind wir gerufen und verpflichtet, diesen Menschen aus seiner Not zu befreien, im Rahmen unserer Kräfte und Möglichkeiten (Barmherzigkeit, individuelles Handeln).
- Auch die Verantwortung des Samariters ist begrenzt. er macht nicht alles selbst. Nachdem er seinen Teil getan hat, übergibt er den Verwundeten der schützenden Obhut des Wirtes, nicht ohne ihm dafür noch Geld zu geben und seine Rückkehr anzukündigen – aber seine eigene Verpflichtung hat auch Grenzen
- Schließlich steckt noch eine Verpflichtung in diesem Gleichnis, die wir bisher außer Acht gelassen haben: Es ist notwendig, die Straße von Jerusalem und Jericho sicherer zu machen.
Der soziale Rechtsstaat hat die Aufgabe dafür zu sorgen, dass Menschen nicht unter die Räuber fallen – und wenn sie Unterstützung brauchen, ihnen diese zu gewähren. Wenn Menschen in unserem reichen Land sich gezwungen sehen, die Hilfe von Mittagstischen, Tafeln usw. in Anspruch zu nehmen, dann ist es gut, dass es andere Menschen gibt, die ihre Aufgabe in der Unterstützung der in Not Geratenen sehen. Die Existenz dieser Einrichtungen ist aber gleichzeitig ein skandalöses Versagen des Sozialstaates, der so weit für soziale Gerechtigkeit zu sorgen hat, dass die Menschenwürde nicht verletzt wird. Insofern haben wir als Christinnen und Christen beide Aufgaben: Die unter die Räuber Geratenen zu unterstützen und den politischen Skandal anzuprangern, der in unserem superreichen Land Menschen solchen Lebensbedingungen überlässt.